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WaageQPünktlich zum Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos hat Oxfam in einem Bericht die Ungleichheit in der Welt zugespitzt dargestellt und damit viel Wirbel ausgelöst: 62 Menschen besaßen im Jahr 2015 so viel Vermögen wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,6 Milliarden Menschen, zusammen.

Wie beim Thema Ungleichheit üblich, kam schnell die Gegenreaktion. In diesem Fall wird nicht die Datenbasis kritisiert. Die Rohdaten stammen aus einem Bericht der Credit Suisse Bank. Stattdessen wird zum Beispiel bemängelt, dass Oxfam die Schulden der Menschen von deren Vermögen abzieht, man also besser mit Brutto- statt mit Nettovermögen hätte rechnen sollen (siehe Forbes oder das Institute of Economic Affairs). Dann würden z.B. nicht so viele überschuldete Hausbesitzer und College-Absolventen in den USA zur unteren Hälfte der Vermögensverteilung zählen. Aus meiner Sicht ist das eine wenig überzeugende Kritik: überschuldet ist eben überschuldet. Sinnvoller wäre es eventuell, neben dem netto Finanz- und Immobilienvermögen auch das Humanvermögen der Menschen mit einzurechnen. Dem würde wohl niemand widersprechen – nur die Daten liegen dafür noch nicht vor.

Wie auch immer man zu den von Oxfam zugespitzt dargestellten Daten und zu den Gegenargumenten steht: Die Kontroverse zeigt einmal mehr, dass umfassende Messgrößen zur Verteilung von Vermögen oder Einkommen selten zu wirklich konstruktiven nächsten Schritten führen, sondern ideologische Gräben eher vertiefen. Egal ob eine 80/20 Relation genutzt wird, ein Gini-Koeffizient oder eine 60% Quote: in der Regel passiert nach den üblichen Empörungsritualen recht wenig.

Aus meiner Sicht helfen Grundsatzdiskussionen über das beste Maß und das ideale Niveau von Ungleichheit nicht wirklich weiter. Besser ist ein Fokus auf konkrete Ungleichheiten oder Ungerechtigkeiten, wozu auch Amartya Sen in „Die Idee der Gerechtigkeit“ rät. Ein paar Beispiele zu Ungleichheiten, die vermutlich leichter verständlich sind, weniger Kontroverse auslösen, und daher eher zu konkreten Handlungen führen:

Bildung: Bundesweit haben rund 10% der jungen Menschen keinen Schulabschluss im Sekundarbereich II (in Frankfurt 5%). Da sind berufliche und finanzielle Schwierigkeiten nicht weit. Jeder Bildungsökonom kann vorrechnen, dass Investitionen in frühkindliche Bildung die größten individuellen und gesellschaftlichen Renditen bringen. Auch eine zweite Ausbildungschance ist wichtig.

Nochmal Bildung: Bundesweit können laut Level-1 Studie von 2012 knapp 15% der Erwachsenen nicht richtig lesen und schreiben, sind also funktionale Analphabeten.

Gesundheit: In kinderreichen aber nicht so einkommensstarken Stadtteilen Frankfurts gibt es – wie kürzlich in einer Podiumsdiskussion angedeutet – besonders wenig Kinderärzte und in einkommensstarken Stadtteilen besonders viele.

Familie: Kinder von alleinerziehenden Eltern (meist Mütter) haben ein besonders starkes Armutsrisiko. Stabile Familien machen Armut weniger wahrscheinlich. Da sind kreative Lösungen aus Politik, Kirchen und Zivilgesellschaft gefragt, die klug mit den individuellen Freiheiten der Menschen umgehen.

Über die notwendigen staatlichen Maßnahmen hinaus können wir alle Verantwortung übernehmen, um diese konkreten Ungleichheiten anzugehen. Zum Beispiel als Übungsleiter oder Betreuer in einem Sportverein, als Elternvertreter, als Mentor und an vielen anderen Stellen.

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