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Logo CimulactPartizipativ erarbeitete Visionen sind ein Kernelement von Prozessen für mehr Lebensqualität. Solche positiv formulierten Zusammenfassungen gemeinschaftlich geteilter Zukunftsvorstellungen können einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung von Lebensqualität leisten (siehe „Die Kraft gesellschaftlicher Visionen“).

In Visionsprozessen stellt sich aber immer wieder eine große Frage, die heute auf dem CIMULACT Workshop in Paris nochmal sichtbar wurde: Wenn wir Menschen nach ihren Bedürfnissen und Zukunftswünschen fragen, warum hören wir diese Antworten so selten: Spaß haben, feiern, chillen, spielen, shoppen, fernsehen, ein großes Auto usw.?

Die Wirklichkeit ist, dass viele Menschen viel Zeit mit diesen Aktivitäten verbringen oder viel Geld für sie ausgeben. Dies legen z.B. die Zeitverwendungsstatistik des Statistischen Bundesamtes oder die Umsätze der Spieleindustrie nahe. Hier soll nicht bewertet werden, ob diese Aktivitäten gut oder schlecht sind. Vielmehr geht es um den Unterschied zwischen dem, was Menschen sagen und dem, was sie tatsächlich tun. Für neoklassische Ökonomen stellt sich diese Frage nicht – für sie zählt einzig das, was Menschen tun. Aber Visionsprojekte können uns mindestens einen Schritt weiter bringen

Woher könnte der Unterschied zwischen Vision und Wirklichkeit also kommen?

Erstens könnte es sein, dass an Gesprächen über Zukunft und Lebensqualität vor allem Postmaterialisten teilnehmen. Das ist möglich, aber aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit anderen Gruppen kann das nicht der Hauptgrund sein. Selbst in Gruppen, die sich nicht als Postmaterialisten sehen, wird „soziale Gerechtigkeit“ als besonders wichtigstes Thema herausgearbeitet.

Zweitens könnten die einbezogenen Menschen nur das sagen, was der Interviewer vermutlich hören möchte bzw. was gesellschaftlich und politisch korrekt ist. Vielleicht traut sich niemand zuzugeben, dass er am liebsten ein dickeres Auto hätte bzw. das ganze Wochenende am Computer spielen will. Das ist schon eher möglich, aber speziell in kleinen und homogenen Gruppen als Grund doch eher unwahrscheinlich. Warum sollte man sich dort verstellen?

Drittens könnte es tatsächlich einen Abstand zwischen Wollen und Handeln geben. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Falls dem so ist, dann sollten wir uns als Gesellschaft und als Einzelne überlegen, wie wir sowohl den Geist als auch das Fleisch stärken können. So könnten wir mehr von dem tun, was uns wirklich wichtig ist. Und alle Visionsforscher sollten sich genau ansehen, worüber die Menschen nicht reden, es aber dennoch tun. So können Maßnahmen vorbereitet werden, damit wir weniger von dem machen, was wir eigentlich nicht wollen. Ja, das ist sehr glattes Eis, aber den Weg sollten wir gehen.

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