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KriegsenkelZwei Gemeinsamkeiten hatten die Teilnehmer der Tagung „Kriegsenkel im Aufbruch – Gestalter einer neuen gesellschaftlichen Identität“ am vergangenen Wochenende. Erstens waren ihre Eltern im zweiten Weltkrieg Kinder. Diese Kriegskinder erlebten Flucht, ausgebombte Städte oder Hunger. 30% von ihnen wuchsen ohne Vater auf. Zweitens hatten alle Teilnehmer Bücher von Sabine Bode gelesen. Mich beeindruckte 2007 ihr Buch „Die deutsche Krankheit – German Angst“: Die Kriegskinder haben ihre Erlebnisse und Ängste in Regeln und Kontrollen gegossen und so die Institutionen der Republik geprägt – ohne aber die Ängste selbst zu thematisieren. Und sie haben ihre Traumata an ihre Kinder, die Kriegsenkel, weitergegeben.

Auf der von Michael Schneider großartig zusammengestellten Tagung ging es um den Aufbruch, den die Kriegsenkel auf Basis ihres Wissens über die Vergangenheit nun angehen können. Der Dialog kann die Basis für einen solchen Aufbruch sein. Die Philosophin Ina Schmidt verwies darauf, wie durch richtiges Befragen lebendiges Wissen angezapft werden kann. Sie zitierte unter anderem Wilhelm Dilthey, der 1910 über das „Wiederfinden des Ich im Du“ schrieb. Dass dies für Kriegskinder nicht üblich war, hatte Sabine Bode in „German Angst“ beschrieben: „Die echten Probleme werden nicht angesprochen, und alles Verstörende wird durch Überaktivität oder Banalitäten gebannt“ (S. 150). Die Künstlerin Barbara Meisner zeigte u.a. Fotos eines alten Kassettenspielers und eines grauen Drehscheibentelefon, die sie mit Mullbinden eingewickelt hatte, um die Kommunikationsschwierigkeiten darzustellen.

Ich sehe mich durch die Tagung in meinem Fokus auf Dialoge gestärkt: Gespräche mit einer Mitte statt mit Seiten (William Isaacs). Darauf habe ich in meiner Präsentation natürlich hingewiesen. Mir wurde aber auch klar, warum solche Dialoge in Deutschland so ungewohnt sind und auf Widerstände stoßen: Wir sind es nicht gewohnt, über Ängste und Gefühle zu reden, oder Vorurteile und Glaubensbekenntnisse zu hinterfragen.

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