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Glückliche VarianteVor zehn Jahren hatte ich in der Deutschen Bank gerade ein großes Projekt zur Prognose des Bruttoinlandsprodukts (BIP) abgeschlossen. Was man eben so macht als Bankvolkswirt. Da erinnerte mich jemand daran, dass es neben dem BIP noch viele andere Dinge gibt, die für Menschen wichtig sind. Aus diesem Impuls entstand die Studie „BIP allein macht nicht glücklich“, in der ich alternative Wohlfahrtsmaße unter die Lupe nahm. Im Jahr darauf erlaubte mir unser damaliger Chefvolkswirt Norbert Walter, an dem Thema weiterzumachen. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar, denn nicht alle Volkswirte waren darüber glücklich. Es entstand „Die glückliche Variante des Kapitalismus“.

Darin ging ich auf die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Ländern, die eine hohe Lebenszufriedenheit aufweisen. Zahlen können sprechen und sie erzählten für die 22 untersuchten Länder eine klare Geschichte von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Deutschland gehörte damals nicht zu den führenden Ländern. Das war für mich einer von mehreren Impulsen, um Ende 2008 die Arbeit in der Bank aufzugeben und mit anderen zusammen das „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ zu gründen.

Das ursprüngliche Anliegen, dem Thema Lebensqualität in Deutschland mehr Aufmerksamkeit zu geben, hatte sich schnell erledigt. Der damalige französische Präsident Sarkozy berief eine Expertenkommission zu dem Thema ein und der Bundestag kurz danach eine Enquetekommission. Sichtbarkeit hatte das Thema nun. Aber wie lässt sich eine wirkliche Verbesserung erzielen? Da kam ein anderer Impuls ins Spiel, der mich auf Methoden der Organisationsentwicklung und auf die Bedeutung von Dialogen hinwies. Daraus entstand Schritt für Schritt die Idee der Lebensqualitätsprozesse mit praktischer Umsetzung in Frankfurt und kleinem Handbuch. Dort sprechen die Bürger.

Nach 10 Jahren war es nun an der Zeit, wieder die Zahlen sprechen zu lassen. Eine Neuauflage der „Glücklichen Variante des Kapitalismus“ entstand, die Version 2.0. Mehr Länder, mehr Indikatoren, aber die gleiche statistische Methode der Clusteranalyse. Bei diesem Zugang zum Thema Lebensqualität werden nur solche Indikatoren berücksichtigt, die in das Muster der Gemeinsamkeiten passen – weshalb wichtige Größen wie der ökologische Fußabdruck und die Lebenserwartung (2 der 4 Elemente aus unserem Fortschrittsindex) hier nicht mit dabei sind. Dafür erzählen die Daten teilweise überraschende Geschichten: Wer hätte gedacht, dass Pressefreiheit und Lebenszufriedenheit so eng zusammenhängen? Oder dass in allen glücklichen Ländern recht wenig pro Jahr, aber bis ins hohe Alter gearbeitet wird? Diese Zusammenhänge illustrieren die Grafiken in der Studie.

Einige der Top-Länder von damals liegen auch jetzt noch vorne: Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, die Niederlande, die Schweiz und Neuseeland. Dort ist z.B. die Arbeitslosenquote niedrig, die Arbeitszeit kurz, Wirtschaft und Presse sind frei, der Staat ist effektiv und Frauen spielen eine relativ gleichberechtigte Rolle. Neu dabei in dieser „Glücklichen Variante des Kapitalismus“ ist Deutschland, vor allem dank der Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt. Auch hierzulande gibt es noch viel zu tun, aber im Vergleich mit den meisten anderen Ländern der Welt geht es uns (im Durchschnitt) richtig, richtig gut.

Ich wünsche eine anregende Lektüre der kleinen Studie und freue mich über Rückmeldungen. Eine englische Fassung gibt es auch: „The happy variety of capitalism 2.0

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