Seite auswählen

Einfluss auf PolitikWie begeistert ich nach wie vor vom Gesamtprozess „Gut leben in Deutschland“ bin, das hatte ich im letzten Blogpost aufgezeigt. Nun kenne ich auch den Regierungsbericht und die Indikatoren – und bin weiterhin begeistert. Die Indikatoren decken ein großes Spektrum von Lebensqualitätsthemen ab. Sie sind wunderbar interaktiv dargestellt. Mutig werden auch Themen angesprochen, die eigentlich Ländersache sind (Bildung, Polizei) oder als sehr privat angesehen werden (Familienformen, Hilfe durch andere). Und es gibt sogar zwei Platzhalter für wichtige Indikatoren (Qualität der Pflege, Globale unternehmerische Verantwortung), für die noch keine Daten vorliegen.

Unter den 46 Indikatoren finden sich viele Klassiker wie die Lebenserwartung, die Arbeitslosenquote, die Wahlbeteiligung, die Emission von Treibhausgasen und natürlich das Bruttoinlandsprodukt. Diese sind und bleiben wichtig.

Darüber hinaus gibt es viele Indikatoren, die wichtiges Neuland markieren. Hier sind meine Top-5 Indikatoren, da sie zu Erkenntnissen der Lebensqualitätsforschung passen, auch in anderen Prozessen vorkommen und vor allem neue Impulse für die deutsche Diskussion über Lebensqualität und dazu passenden Maßnahmen setzen:

1. Die Bildungsmobilität zwischen Eltern und Kindern (Seite 62) ist im internationalen Vergleich eher niedrig. Darauf weisen internationale Organisationen regelmäßig hin – und die Bürger im Dialog ebenso. 68% der Kinder von Eltern mit Hochschulreife erreichen selbst ebenfalls die Hochschulreife, aber nur 30% der Kinder von Eltern mit Haupt- oder Realschulabschluss. Hier müssen die Bundesländer noch stärker Verantwortung übernehmen.

2. Die Pendeldauer (Seite 81) misst den Anteil der Erwerbstätigen, die länger als eine halbe Stunde für ihren Arbeitsweg benötigen. Spätestens seit der berühmten Studie von Kahneman und Kollegen 2004 ist klar, wie schlecht pendeln für die Lebenszufriedenheit ist. Dennoch brauchen 26% der Deutschen mehr als eine halbe Stunde, um vom Wohnort zum Arbeitsort zu kommen. Als Indikator in einem Regierungsdokument wird das zunächst zu kontroversen Diskussionen führen, dann aber hoffentlich zu konkreten Maßnahmen von Menschen, Unternehmen, Städten und anderen.

3. Auf Hilfe durch andere (Seite 140) bauen zu können ist für Lebenszufriedenheit enorm wichtig. 93%der Bürgerinnen und Bürger haben eine konkrete Bezugsperson, die sie um Hilfe bitten können, wenn es darauf ankommt. Aber 7% können das nicht oder sind sich nicht sicher. Staatliche Angebote und nachbarschaftliche Hilfe müssen daher besser verzahnt werden.

4. Die Mitgliedschaft in Sportvereinen (Seite 147) hatten wir in „Schöne Aussichten“ dem Themenfeld „Freizeit“ zugeordnet, aber der Indikator ist im Themenfeld „Zusammenhalten“ ebenso gut aufgehoben, was seine große Bedeutung zeigt. In Ostdeutschland sind nur 15% der Menschen Mitglied in einem Sportverein, in Westdeutschland mehr als doppelt so viele. Der Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen in Ostdeutschland liegt auf der Hand und der Handlungsbedarf ist offensichtlich.

5. Eine Möglichkeit, Einfluss auf die Politik zu nehmen (Seite 185) sehen erschreckende 46% der Deutschen nicht (19% sehen starken Einfluss). In Ostdeutschland sind es sogar 10 Prozentpunkte mehr als im Westen. Der Prozess „Gut leben in Deutschland“ regt hoffentlich auf allen Ebenen zur Nachahmung an, auch um diesen Indikator wieder zu verbessern.

Als roter Faden zieht sich für mich der enge Zusammenhang zwischen Bildung, Einkommen, Gesundheit, Partizipation, Zusammenhalt und anderen Themen durch den Bericht. Wenn man eines dieser Themen angeht, dann entwickeln sich die anderen vermutlich ebenfalls positiv.

Natürlich ist in dem Bericht aus meiner Sicht nicht alles rundherum perfekt. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum ein Altenquotient verwendet wird. Welche Aussagekraft hat das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Menschen im Alter von 20 bis 66 Jahren und denen älter als 66 Jahren in einer Gesellschaft mit steigender Lebenserwartung? Was bedeutet „erwerbsfähiges Alter“, wenn die Lebenserwartung Neugeborener jedes Jahr um 3 Monate steigt? Zudem sollten Indikatoren über Ausgaben (hier: Forschung, Investitionen, Entwicklungshilfe) in Lebensqualitätsprojekten vermieden werden, da es um die Ergebnisse für die Menschen und nicht um finanzielle Aufwendungen geht. Mehr Geld bringt nicht immer bessere Ergebnisse.

Der Bericht bewertet nicht, welche Themenfelder oder Indikatoren besonderen Handlungsbedarf signalisieren. Darüber wird hoffentlich in Politik und Zivilgesellschaft in den nächsten Monaten intensiv diskutiert werden. Unterschiedliche Gruppen und Parteien werden unterschiedliche Schwerpunkte setzen, was auch gut so ist. In einem Jahr wird ja an einem neuen Koalitionsvertrag geschrieben. Hoffentlich finden sich darin dann viele konkrete Maßnahmen für mehr Lebensqualität im Sinne des heute veröffentlichten Berichts.

Translate »