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Der neue US-Präsident hat in wenigen Tagen viel verändert. Aus Sicht der Lebensqualitätsforschung gehen die meisten Änderungen in die falsche Richtung. Sie bringen Einschränkungen von Toleranz, Handel, Pressefreiheit, Wissenschaft, Kultur, Frauenrechten, Lebenszufriedenheit, Umweltschutz usw. Damit deutet sich eine negative Entwicklung fast aller Indikatoren an, die in „Die glückliche Variante des Kapitalismus 2.0“ betrachtet wurden. Diese Veränderungen in den USA werden zudem erheblich Auswirkungen auf uns in Deutschland und Europa haben.

Wie kann verhindert werden, dass hier etwas Ähnliches passiert? Zunächst ist klar, dass es aus historischen Gründen in Deutschland sehr viel schwieriger ist, so viel Macht so schnell in einer Hand anzusammeln. In Frankreich ist das schon einfacher und wir sollten aufmerksam auf die dortige Präsidentschaftswahl am 23. April und 7. Mai schauen.

Grundsätzlich scheint mir ein Fokus auf nicht so oft gehörte Stimmen bzw. schwer erreichbare gesellschaftliche Gruppen wichtig, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken und Lebensqualität für alle langfristig zu fördern. Auch in Deutschland gibt es viele Menschen, die faktisch abgehängt sind oder sich zumindest so fühlen. Die Fakten dazu wurden für „Gut leben in Deutschland“ zusammengetragen. So haben z.B. im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis lediglich 30% der Haushalte Zugang zu Breitbandanschlüssen. In Frankfurt sind es 95%. (Grafik oben). Das könnte ein Grund dafür sein, warum Menschen aus Nordhessen nach Frankfurt ziehen, dort die Mieten steigen und mit diesen der Unmut vieler Menschen. Breitbandanschlüsse sind nur ein Beispiel für Versorgung, die wir als Gesellschaft aktiv gestalten können.

Abgehängt fühlen sich – zu Recht oder zu Unrecht ist hier nicht relevant – viele Menschen. Vier von zehn Bundesbürgern haben den Eindruck, dass sie keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf die Politik haben. Besonders viele dieser Menschen leben in Ostdeutschland und haben höchstens Hauptschulabschluss. Regierungen und Verwaltungen in allen Bundesländern, Städten und Landkreisen könnten 2017 zum Jahr der aufsuchenden Bürgerbeteiligung machen. Der Fokus sollte auf Regionen mit besonders niedriger Wahlbeteiligung liegen und dort eben auf die schwer erreichbaren Gruppen. Ein schönes Beispiel dafür haben Politiker jüngst in Hassloch gegeben.

Wichtig ist, dass unsere Gesellschaft sich nicht weiter spaltet und dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen Gruppen erhalten bleibt. Neben Politik und Verwaltung kann jeder Einzelne einen Beitrag dazu leisten: Den Kontakt zu Menschen erhalten oder suchen, die sich abgehängt fühlen und die für angeblich starke Führungspersonen empfänglich sind. Das ist in vielerlei Hinsicht ein schwieriges Unterfangen. Aber wir dürfen uns nicht in immer engere Blasen zurückziehen, sondern sollten die Kommunikation mit anderen suchen. Sonst kann Gesellschaft nicht funktionieren. In Berlin gibt es diesen Samstag eine Zuhör-Aktion, die Nachahmung und Verbreitung verdient.

Eine Auswirkung der neuen Verhältnisse in den USA könnte also sein, dass wir uns wieder stärker auf das besinnen, was uns wichtig ist. Das sollten wir in breit angelegten Prozessen machen, die auch die nicht so oft gehörten Stimmen mitnehmen. Viele große und kleine „Gut leben in XY“ Prozesse mit intensiven und offen geführten Bürgerdialogen könnten einen Beitrag dazu leisten, den Dialog zu stärken und Prioritäten für gemeinsames Handeln zu identifizieren. Und Fakten sind natürlich auch wichtig: aussagekräftige und relevante Indikatoren mit Bezug zur Lebensqualität der Menschen.

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