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Für den zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen in Frankreich erwarten die meisten Beobachter einen Sieg von Emmanuel Macron. Ob sie damit ebenso falsch liegen werden wie die Mehrheit der Beobachter vor dem Brexit-Entscheid oder vor der US-Präsidentschaftswahl, das wird sich zeigen. Auch wenn Macron gewinnen sollte, so ist das noch lange keine Entwarnung. Der französische Soziologe Didier Eribon fürchtet, dass ein Sieg von Macron den Weg für eine Präsidentin Le Pen in fünf Jahren ebnen wird. Das sollte uns auch mit Blick auf die Situation in Deutschland beunruhigen.

Die Polarisierung der Gesellschaft wird in Frankreich, Großbritannien, den USA und auch in Deutschland sichtbarer. Die Verlierer der Globalisierung, die ungehörten Stimmen, die Abgehängten, die Ausgeschlossenen begehren auf. Dabei ist es wenig relevant, ob man sich als Verlierer fühlt oder tatsächliche materielle Probleme hat. Je nach Land und Tagesnachrichten richtet sich das Aufbegehren gegen „die da oben“, gegen „die EU“ oder gegen Ausländer. Ob das der richtige Adressat oder die Ursache der eigenen Schwierigkeiten ist, ist nicht entscheidend. Hauptsache man wird endlich gehört. Früher haben die Arbeiter im Nordosten Frankreichs die Kommunisten gewählt, heute den Front National, wie die Analyse von Eribon zeigt.

Wenn unsere Gesellschaften langfristig stabil und erfolgreich sein sollen, dann reicht es meines Erachtens nicht, für Macron zu brennen und die EU zu feiern. Wichtig ist es, dass wir den tieferen Ursachen für die gefühlte oder tatsächliche Polarisierung nachgehen. Zwei Zugänge erscheinen mir besonders hilfreich:

Erstens sollten wir in der Diskussion über gesellschaftlichen Fortschritt und Lebensqualität nicht nur auf Durchschnittswerte schauen, sondern speziell die schwächeren Gruppen der Bevölkerung beachten. In „Besser leben in Deutschland“ habe ich auf 15% funktionale Analphabeten hingewiesen, auf 7% Arme trotz Vollzeiterwerbstätigkeit (Frankreich 6%), auf 9 von 100.000 Deutschen pro Jahr, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten (Frankreich sogar 12). Dazu kommen hohe Schulabbrecherquoten und in Frankreich eine hohe Arbeitslosenquote.

Zweitens sollten wir uns bewusst machen, dass es innerhalb von Gesellschaften unterschiedliche Wertesysteme gibt. Christian Welzel – Mitglied in unserem Ideenrat – erforscht seit vielen Jahren den Wertewandel rund um den Globus. In einem neuen Papier im Journal of Democracy zeigt er mit seiner Co-Autorin, wie sich in den letzten 20 Jahren in der oberen Mittelschicht ein immer liberaleres Wertesystem durchgesetzt hat (Offenheit, Toleranz usw.) und gleichzeitig die Loyalität zu den gesellschaftlichen Institutionen gestiegen ist. In der Unterschicht und in der Arbeiterklasse ist die Loyalität zum System jedoch nicht gestiegen und der Wertwandel war von „niedrigem“ Niveau aus deutlich kleiner. Die Polarisierung hat somit messbar zugenommen (Grafik auf Seite 11).

Aus meiner Sicht ist es die Aufgabe der starken Stimmen und Globalisierungsgewinner, hier konkrete Lösungen auf den Weg zu bringen. Möglicherweise hilft es bereits, wenn man „den anderen“ zeigt, dass man sie hört, wahrnimmt und sich für sie interessiert. „Gut leben in Deutschland“ hat hierzu einen wichtigen Beitrag geleistet. Zu den langfristig wirksamen Ansätzen dürften bessere (Weiter)Bildungschancen und ein Flexicurity-System auf dem Arbeitsmarkt wie in Dänemark gehören.

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