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Sozialkreditsystem für Lebensqualität

Seit einigen Jahren sorgt das in China entstehende Sozialkreditsystem (Social Credit System) auch in Europa für Furore. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz wird das Verhalten der Menschen dort nach und nach erfasst und bewertet. Wer zum Beispiel Strafzettel nicht bezahlt oder bei Rot über die Ampel geht, der muss mit Sanktionen rechnen, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Vergehen stehen müssen: Auslandsreisen werden verwehrt oder Studienplätze für die Kinder nicht zugeteilt.

Eine jüngst erschienene Untersuchung zeigt eine auf den ersten Blick überraschend große Zustimmung der Chinesen zum Sozialkreditsystem. Die Begründungen passen dann aber doch auch zu europäischen Werten und zur Lebensqualitätsperspektive: Die befragten Chinesen erhoffen sich eine Zunahme des gegenseitigen Vertrauens – vor allem im Kreditverkehr – und darüber ein besseres Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft. Allerdings: Laut international vergleichbarer Zahlen des World Value Surveys war das allgemeine Vertrauen in die Mitmenschen – auch als Sozialkapital bezeichnet –  in China schon im Jahr 2014 sehr hoch. Vor den ersten Schritten zum Sozialkreditsystem gaben damals knapp 63% der Chinesen an, dass man den meisten Menschen vertrauen kann. Höhere Werte wiesen nur Norwegen, Schweden und die Niederlande auf. In Deutschland vertrauten nur 42% ihren Mitmenschen.

Als weiterer Grund wird die Hoffnung auf eine allgemeine Verbesserung der Lebensqualität angegeben. Hier hat China in der Tat noch Potential nach oben. Laut Zahlen von Gallup für den World Happiness Report bewerteten die Chinesen die Qualität ihres Lebens im Jahr 2016/17 auf einer Skala von 0 bis 10 im Durchschnitt lediglich mit 5,2. Das war Platz 86 von 156 Ländern. Ganz vorne lagen die skandinavischen Länder Finnland, Norwegen und Dänemark mit Bewertungen um die 7,5. Deutschland lag mit 7,0 auf einem erfreulichen 15. Platz. Ob das Sozialkreditsystem für China der entscheidende Schritt zu mehr Lebensqualität sein wird, das wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Grundsätzlich gilt, dass Lebensqualität aus vielen einzelnen Bausteinen besteht, die sich gegenseitig ergänzen und verstärken. Hohe Bildung, gute Gesundheit, ein gut funktionierender Staat und eine freie Presse gehören in den meisten Ländern der Welt dazu, wie auch unsere Studie „Die glückliche Variante des Kapitalismus“ gezeigt hat..

Die Lehren für Lebensqualität und Digitalisierung sind klar:

  • Die Menschen sind offen für digitale Technologien, von denen sie sich ein Mehr an Lebensqualität erhoffen.
  • Allgemein akzeptierte Normen und Verhaltensregeln – inklusive der Sanktionierung von Fehlverhalten – sind für Gesellschaften in Asien wie in Europa wichtig. Das gilt offline wie online. Manche dieser Normen müssen schriftlich festgehalten werden (Bsp. Straßenverkehrsordnung), andere können sich auch so durchsetzen.
  • In vielen Ländern Europas sind das Vertrauen in die Mitmenschen, die subjektive Bewertung des Lebens und viele objektive Indikatoren wie das Bildungsniveau und das Einkommen schon heute sehr hoch ausgeprägt. Diese Faktoren des guten Lebens ließen und lassen sich mit und ohne digitale Technologien fördern. Wie das geschehen kann, darüber finden überall gesellschaftliche Debatten statt, unter anderem in #gutlebendigital. Ein privates oder staatliches Sozialkreditsystem erscheint für Europa weder notwendig noch wünschenswert zu sein.
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